Aus der Weltwoche ein kleiner philosophischer Exkurs: Von Beat Kappeler : Je mehr Informationen verschenkt werden, desto eher rentieren die Geschaefte. Wie in Zukunft Geld verdient werden kann. Und warum die Schweizer schlecht geruestet sind. Wird jetzt alles gratis? Sind die oekonomischen Gesetze ploetzlich aufgehoben? Vor drei Wochen hat die amerikanische Firma Netscape das Geheimnis ihres Browser gelueftet und dessen Schlüssel ins Internet gegeben. jedermann ist nun zu Gebrauch, Nachahmung und Weiterentwicklung aufgefordert. Schon den Browser selbst hatte Netscape seinerzeit bei seiner Einfuehrung sechs Millionen Mal gratis verteilt. Verschiedene Schweizer Banken lassen jeden und jede gratis ins Kursblatt der Boerse gucken, wenn auch neuerdings mit einer dreissigminuetigen Verzoegerung auf nie EchtzeitNotierungen. Aber auch die Schoepfer des Internets waren genauso grosszuegig. Gratis war damals die Software, mit welcher Marc Andressen in seinem Programm Mosaic Bilder anzuklicken erlaubte, und gratis verteilte Tim Berners-Lee ab 1991 seine Software World Wide Web. Kostet die Information in der anrollenden Informationsgesellschaft nichts mehr? Der Internet-Buchladen Amazon.com in den Vereinigten Staaten haengt die komplette Liste der verfuegbaren zwei Millionen Bücher Amerikas in den elektronischen Wind und gibt damit der ganzen Welt eine brauchbare Bibliographie ab. In Wahrheit sind die oekonomischen Gesetze nur vermeintlich aufgehoben, denn eine Informationsgesellschaft Funktioniert andersherum als die alte Industriegesellschaft. Dort war die Stahlroehre das Produkt, und nur wer zahlte, bekam sie. Wer hingegen Informationen an den Mann oder an die Frau bringt - Daten, Programme, Artikel -, der hat etwas, das vervielfacht weitergegeben und laufend veraendert werden kann. Gleichzeitig verbleibt ihm die Information immer noch. Information ist kein einzelnes Stahlstueck, kein Moebel, kein Motor, sie ist vor allem kein Unikat. Sie ist formbar, flatterhaft, multiplizierbar. Die Information ist daher nur vordergruendig das Produkt der Informationsgesellschaft. Die wirkliche Wertschoepfung, die Jobs, die Milliarden liegen dahinter: Wer die Massen mit Information anzieht, der kann ihnen Werbung verkaufen; wer sich mit Boersen- oder Buchinformationen interessant macht, gewinnt Kunden fuer ein anderes, fürs eigentliche Geschaeft; wer mit Programmen einen Markt schafft, kann Beratung und Krisenhilfe anbieten. An dieses haarscharfe Nebeneinander freier Information und geschaeftlich vermarkteter Wissensmacht muessen sich viele Europaeer erst noch gewoehnen. In den Vereinigten Staaten haben die Autoren Larry Downes und Chunka Mui zwei Gesetze aufgelistet, die kuenftig zusammen spielen. Das eine ist Moore's Law. Danach verdoppelt sich die Schaltkraft der Chips alle acht Monate. Die Kosten fuer die Informationsverarbeitung und den Transport sinken gegen Null. Sodann gilt das Gesetz von Bob Metcalfe, dem Gruender der Internet-Firma 3Com: Der Nutzen eines Netzes nimmt im Quadrat der Zahl seiner Benutzer zu. Diese zwei Gesetze erklaeren, warum die Firmen der Informationsgesellschaft ihre' Hauptbotschaft gratis abgeben. Sie muessen den Markt, das Netz erst schaffen. Das erreichen sie mit der frei ausgelegten Angel moeglichst interessanter Information oder Programmierung - dann stellt sich das Publikum massenhaft ein, bildet sich das Netz spontan. Die Kosten dabei sind minim, denn eine Information oder ein Programm gleich welcher Groesse ueber elektronische Netze zu verteilen, das kostet praktisch nichts. Die «Grenzkosten», d.h. die Verteilung an zusaetzliche Teilnehmer, sind null. jeder neue Teilnehmer vermehrt aber die moeglichen Netzbeziehungen. Damit wird die Chance, Kunden zu finden, Dienste anzubieten, zu werben, millionenfach multipliziert. Je mehr Informationen man verschenkt, desto eher rentieren die bald einsetzenden Zusatzgeschaefte. ueberdies wartet und repariert sich der Markt selbst. Bei frei zugaenglichen Programmen erkennen die Benutzer die Fehler sofort. Sie melden sie und verbessern so das Programm. Schliesslich muss noch von einem dritten Gesetz die Rede sein, aber nur, weil es in der Informationsgesellschaft nicht mehr gilt. Der Nobelpreistraeger Ronald Coase bemerkte 1937 , dass sich Firmen bilden, weil es zu umstaendlich waere, wenn alle Wirtschaftssubjekte alles selber machen muessten. Koennte naemlich jeder ein Auto bauen, den Stahl herbeikarren, die Kaeufer auftreiben, dann kaeme es niemandem in den Sinn, die Dienste von Giganten wie General Motors, IBM, Citigroup oder UBS in Anspruch zu nehmen. Nur weil die Reibungskosten sinken, wenn sich alle spezialisieren und einander in die Haende arbeiten, wachsen die Firmen. Weil die Reibungskosten - oekonomen sagen: Transaktionskosten - im Informationszeitalter aber gegen Null sinken, sind Firmen nicht mehr noetig. jeder wird ein Selbstaendiger, das Wissen ist das Kapital. Die drei Gesetze zusammen bedeuten das Ende der Industriegiganten, der traditionellen Wertschoepfungsketten. Kleine Software-Firmen wie weiland Netscape koennen sich bilden, welche durch Gratisinformationen ihre Maerkte aus dem Nichts schaffen. Ihnen folgt ein Schwarm kleiner Spezialisten, die ihr Sueppchen allein kochen und gut verdienen. Als Beispiel wurde soeben Scott R. Lucado im «Wall Street Journal» vorgestellt. Er greift auf die frei verfuegbaren Internet-Inserate unter der Rubrik «Aushilfe gesucht» zurueck und betreibt damit sein eintraegliches Privatgeschaeft. Diese Zehntausende gesuchter Personalprofile wertet er aus, erkennt die bevorstehenden Geschaeftsausweitungen, Bauten, Lagerprobleme, Feuerwehraktionen vieler Firmen - und verkauft dieses Wissen an deren Konkurrenten. In der Schweiz uebertragen die Spürnasen der Swiss Human Line die Inserate aus den Tageszeitungen aufs Internet und schaffen In der Schweiz uebertragen die Spürnasen der Swiss Human Line die Inserate aus den Tageszeitungen aufs Internet und schaffen einen transparenten, landesweiten Arbeitsmarkt. Der Internet-Spezialist Haensler sichtet fuer Kunden die Informationsflut des World Wide Web - zu vierzig Franken in der Stunde. Solche Informations Broker schlachten das verfuegbare Datenmaterial wie eine Goldgrube aus. Das Data Mining wird zu einer Gewinnmaschine der Informationszukunft. Um die siebzig Milliarden Dollar soll in ein, zwei Jahren der Weltmarkt fuer Business Information wert sein. Da werden Daten des Umfelds, der Kunden, der amtlichen Statistiken gesammelt, gemischt, ausgewertet, neu gruppiert, weiterverkauft. Aber auch im Innern der traditionellen Firmen lohnt es sich, Information frei zu streuen im Intranet. Dieses firmeneigene «Internet» verbindet alle Ebenen und Bereiche. Der Produktentwickler liest Protokolle der Marketingdirektion, sieht die Renditezahlen der letzten Fabrikationsserie ein, ueberfliegt die Korrespondenz mit angefragten Designern. Alle Angestellten tippen ihre Vorschlaege ein. Information wird hierarchiefrei zugaenglich und steigert die Leistung enorm. Vorbei sind die Informations Sperrgebiete der alten Industrien, wo der Maschinist eine oelige Betriebsanleitung hatte, der Meister einen knappen Detailplan, der Ingenieur den Hauptplan und die Direktion ihr eigenes Herrschaftswissen in feinen Maeppchen. Damit liegt kuenftig das Geschaeftsmoment nicht in heimlichen, exklusiven Informationen, sondern in der Faehigkeit, sie offen aufzugabeln und rasch zu neuem Wissen zu buendeln. Das Streben nach Urheberrechten ist ein Rückzugsgefecht aus der alten Industriegesellschaft, als der tuechtige Pfannenhersteller seine Legierung nicht verraten wollte. Mit der Patentierung erreichte man die oeffentliche Dokumentation der Errungenschaften, schuetzte aber den Erfinder eine Weile. Bei Informationen greifen solche Tricks immer seltener. Man kann sie nicht als Auswahlsendung zeigen und dann wieder zuruecknehmen. Dank der digitalen Abbildung aller Daten, Toene, Sprachen und Bilder auf immer gleichen Elektronen koennen Informationsbrocken gemischt und veraendert werden. Die «Erfinderspuren» verlieren sich in den Medien. Wie diese Daten verschmolzen, ausgewertet, zu neuem Wissen verwendet werden, das ist die Leistung des Informationszeitalters und seiner Spezialisten. Solche Synthese-Leistungen koennen zwar allenfalls auch geschuetzt werden. Doch der sicherste und rentabelste Schutz ist es, schneller als die andern zu arbeiten. Sogar die Superstars der elektronischen Gesellschaft, die Saenger, Filmstars, Pianisten und Schriftsteller, werden dereinst ihre vielfach reproduzierten Werke laufenlassen muessen. Aber sie werden verdienen und ihr Starsein gemessen durch die damit gewonnene Aura, wenn sie live auftreten. Dann werden ihnen Megakonzerte und Tausend-Dollar-Sitze sicher sein. Ganz neu ist diese angstfreie Auslieferung der Information nicht. Die alte Gesellschaft hatte ihren Wissenssektor, und da wurde das Wissen auch mehr oder weniger frei ausgetauscht. Buecher zitierten andere Ideen. Die Medien trugen sie weiter. Die vielen Stufen der Schulen und Bildung schoepften daraus. Alles, ohne Tantiemen zu bezahlen, aber mit Angabe der Quellen, mit Verehrung der Denker und Dichter. Diesen Anstand wuenschen sich auch die Hexenmeister des Informationszeitalters. Wie etwa Richard Stallman, der ein gebuehrenfreies System des Copyleft an die Stelle der Copyrights für Unix-Software gesetzt hat und betreibt. Programme seien wie Rezepte, man soll sie brauchen koennen, ohne zu bezahlen, aber hin und wieder dankbar der Erfinder gedenken. Solche Denkmaeler sind bestaendiger als Standbilder aus Erz. Und auch sinnvoller als die Dollarmilliarden, die Microsoft aus ihrem geschuetzten Standard herausgeschlagen hat. Stallman und Berners-Lee haben dieses Gedenken der Menschheit wohl schon auf sicher - so sicher wie einer der Erfinder des Computers, Howard Aiken, seinen Ruhm hat. Er bestand inmitten des Zweiten Weltkriegs bei der US Navy auf der oeffentlichkeit seiner Arbeiten. Und selbstverstaendlich fanden Aiken, Berners-Lee und Andressen mit ihren weiteren Entwicklungen auch ihr gutes Zubrot. Dass Information frei ist, dass man nur den bezahlt, der daraus Wissen zu machen versteht, ist beste aufklaererische Tradition. Das hat seit dem achtzehntenjahrhundert Generationen von Lehrern, Forschern, Schreibern ernaehrt. Inzwischen leben schon mehr Leute von der Wissensgesellschaft als von Industriejobs. Die Wissensproduktion hat ein enormes Tempo erreicht, und sie stuetzt sich auf Technik. Ihr Rohmaterial, die Information, muss frei fliessen. Ihre Buendelung zu Spezialwissen führt zu ertragreichen Diensten und schafft Jobs. Diesen geistigen Dreh müssen viele Schweizer noch machen. Die Spitzenausstattung dieses Landes mit Apparaetchen sichert noch keinen Spitzenplatz in der Informationsgesellschaft. Aus der Weltwoche Nr.16 1998